Böhmerweiher offenbart sich als ökologischer Schatz

Böhmerweiher Panorama - Foto: A. Zuber

Gewitterstimmung am Böhmerweiher - Foto: Michael Kett

Vorentwurf Planung Ausbau der Böhmerweiher

Eine „Machbarkeitsstudie“ zum Ausbau dokumentiert unglaubliche biologische Vielfalt am Böhmerweiher

Viele Rote-Liste Arten

Das Böhmerweiher-Areal an der Grenze der Kommunen München, Gröbenzell und Puchheim birgt einen schier unglaublichen biologischen Schatz: über 80 bedrohte Pflanzen- und Tierarten wurden dort nachgewiesen, wie eine Studie offenbart, die 2015 durch die Gemeindeverwaltung von Gröbenzell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Dieses massive Vorkommen von Rote-Liste-Arten stellt die Ausbau-Pläne in Frage.  

Entwicklung der Böhmerweiher

Das Areal der beiden Böhmerweiher, die in den Jahren 1937 bis 1976 durch Kiesentnahme entstanden sind, wird seitdem als Ort stiller Erholung ganzjährig von Spaziergängern genutzt und dient in den Sommermonaten in begrenztem Umfang als „wildes“ Badegewässer. Der kleinere östliche Weiher hat über die Jahrzehnte einen Biotopcharakter entwickelt, der größere westliche Weiher unterliegt insbesondere im Sommer einer ungeordneten Erholungsnutzung. Die Stadt München, auf deren Flur das Areal liegt, hat im Jahr 2006 einen gültigen Bebauungsplan erlassen, der die Schaffung eines Naherholungsgebietes Böhmerweiher auf einer Fläche von ca. 27ha vorsieht. 2013 wurde das Areal vom bis dahin privaten Grundbesitzer für insgesamt 1,6 Mio. Euro an die Stadt München und den Erholungsflächenverein (zu je einem Drittel), sowie die Stadt Puchheim und die Gemeinde Gröbenzell verkauft (zu je einem Sechstel).

Der Auftrag der Studie

Der Erholungsflächenverein (Verein zur Sicherstellung überörtlicher Erholungsgebiete in den Landkreisen um München e.V.), der insgesamt 34 Naherholungsgebiete in München und Umgebung betreut, hat im Auftrag der Stadt München (Baureferat Gartenbau) eine „Machbarkeitsstudie zum Ausbau des Böhmerweihers als Badesee“ beauftragt und den Auftrag an das Münchner Ingenieurbüro „Ohnes & Schwarz, Diplomingenieure – Landschaftsarchitekten“ vergeben. Im Rahmen dieser Studie (im folgenden „Machbarkeitsstudie“ genannt) wurden zahlreiche Untersuchungen im Jahr 2009 vorgenommen und ein Abschlußbericht im Jahr 2010 erstellt. Diese Studie wurde bislang nicht veröffentlicht und auch auf Anfrage nicht einsehbar gemacht. Erst zu Beginn des Jahres 2015 hat die Verwaltung der Miteignergemeinde Gröbenzell die Studie ohne Einschränkung der Weitergabe den Gemeinderäten von Gröbenzell zur Verfügung gestellt und damit veröffentlicht. Die Kritiker des Ausbaus zum Badesee, die insbesondere in Gröbenzell zahlreich und von den Gröbenzeller Grünen politisch vertreten werden, hatten zu keiner Zeit Einfluss auf diese Studie, die stattdessen von den Befürwortern eines Ausbaus beauftragt wurde.

Gewaltiger Umfang der Studie

Die Machbarkeitsstudie liegt in Form einer Daten-CD vor, die gewaltige 276 Megabyte Daten umfasst. Alleine die Zusammenfassung „Machbarkeitsstudie Ausbau Badesee Böhmerweiher Schlussbericht 1.2010“ aus dem Jahr 2010 hat 51MByte Datenumfang. Diese Zusammenfassung ist über folgenden Link herunterladbar: www.dropbox.com/s/f1qzzdcwpkl9v36/Machbarkeitsstudie%20Ausbau%20Badesee%20B%C3%B6hmerweiher%20Schlussbericht%2001.2010.pdf

Studie dokumentiert 83 Rote-Liste Arten an den Böhmerweihern

Ein detaillierter Blick in die Ergebnisse der Studie offenbart schier unglaubliches: das Vorkommen von insgesamt 83-Rote-Liste-Arten werden belegt, darunter alleine 37 Pflanzenarten (davon 6 wertvollen Arten wilder Orchideen), daneben 12 gefährdete Vogelarten, daneben Reptilien, Amphibien, Libellen, Tagfalter, Laufkäfer, Weichtiere und Großkrebse, sowie Fische und Insekten.

Einige Beispiele seien genannt: die Studie spricht von insgesamt 54 Vogelarten, die im Gebiet der Böhmerweiher nachgewiesen wurden, davon wurden für 17 Arten Brutvorkommen nachgewiesen, bei insgesamt 27 Vogelarten werden Brutvorkommen vermutet. 12 Arten sind Gäste, die im Gebiet nicht brüten, halten sich aber an den Weihern auf. So zum Beispiel der seltene Purpurreiher Ardea purpurea (siehe Bild im Anhang).

Über 200 Libellen einer „vom Aussterben bedrohten Art“ am Böhmerweiher gefunden

Von den 17 ingesamt an den Böhmerweihern nachgewiesenen Libellenarten stehen 5 auf der Roten Liste. Die bedeutendste Art ist die Helm-Azurjungfer, die die höchste Schutzklasse 1 genießt, weil sie weltweit von Aussterben bedroht ist. Von dieser Libellenart wurden an den Ausläufen der  Böhmerweiher über 200 Individuen gefunden (siehe Bild im Anhang und Nachweis im Text der Studie auf Seite 28).

Um nicht Neugierige anzulocken, die eventuell auf der Suche nach seltenen Pflanzen die wertvollen Biotope zertrampeln, wollen wir hier die Pflanzen- und insbesondere die wertvollen Orchideenarten nicht näher beschreiben. 

Aufgrund von Aussagen eines Puchheimer Botanikers, der über die in der Studie genannten Arten hinaus weitere gefährdete Pflanzenarten fotografiert hat und aufgrund von mehreren Sichtungen z.B. des hochgeschützten Eisvogels (Alcedo atthis) im Jahr 2014, steht zu Vermuten, dass die Gesamtzahl der Rote-Liste-Arten nahe hundert liegt.

Die Autoren der Studie fassen Ihr Untersuchungsgebiet Böhmerweiher „als wertvolles Rückzugsareal für zahlreiche früher weit verbreitete Arten. Im Rahmen der eigenen Untersuchungen kann diese Einstufung bestätigt werden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es sich jeweils um Mindestbewertungen handelt. bei weitergehenden Untersuchungen dürfte sich der Wert der jeweiligen Bereiche in der Regel noch erhöhen.“  

Biotope sind sehr empfindlich gegenüber baulichen Eingriffen

Obwohl die Böhmerweiher Sekundär-Biotope sind, also erst durch den Eingriff des Menschen in Ihrer heutigen Form geschaffen wurden, hat sich das Areal durch die vergleichsweise geringe Inanspruchnahme über Jahrzehnte zu einem wertvollen und hochsensiblen Biotop entwickelt. Als Beispiele für diese Sensibilität haben die Autoren der Studie belegt, dass drei geringe bauliche Eingriffe in den letzten Jahren die Zerstörung von wertvollen Arten zur Folge hatte:

Auf Seite 41 wird eine 2009 durchgeführte Räumaktion des westlichen Böhmerweihers beschrieben, „die der naturschutzfachlichen Bedeutung dieses Gewässerabschnitts in keiner Weise gerecht wird“, wie Überreste verendeter Rote-Liste-Arten belegen. Eine der wertvollsten Pflanzenarten im Areal, eine vom Aussterben bedrohte Rote-Liste-Art (Apium repens/kriechender Sellerie) wurde an einer Fundstelle beim Zusammenlauf der beiden Abläufe durch eine unfachgemäßen Wasserbaumaßnahme (Einbau eines Drahtschotterkastens/Gabione) zerstört (siehe Seite 12). Ein weiterer Eingriff, vermutlich durch einen Landwirt, der im Jahr 2009 eine Biotop-Teilfläche nördlich des großen Weihers mittels Radlader mit Bodenmaterial eines angrenzenden Maisackers verfüllt hat, hat zu einem Verlust von etwa 50% einer 1998 kartierten Biotopfläche geführt.

Der Verlust wertvoller Arten selbst bei kleinen Eingriffen lässt Befürchtungen aufkommen, dass der geplante großflächige Umbau der Böhmerweiher zu einem dramatischen Eingriff in die Biotope führt.  

Die Autoren der Studie, die ja eigentlich die Eignung des Areals belegen sollten, verweisen auch immer wieder auf ökologische Beschränkungen, die man dem Ausbau auferlegen sollte.

Status quo muss dauerhaft gepflegt werden

Dass die Studie insgesamt einer „geordneten Entwicklung und Lenkung des Besucherstroms eher den Vorzug einräumt als der Null-Variante“ hat nach unserer Einschätzung mit der Beauftragung der Studie durch die Stadt zu tun, die ja eine Machbarkeitstudie in Auftrag gibt, um die Machbarkeit nachzuweisen. Zum anderen ist unbestritten, dass aktuell ein großer Teil der Besucherströme in den ökologischen wertvollsten Bereichen des Areals zwischen den beiden Weihern anzutreffen ist. Daher ist eine Lenkung der Besucherströme auf die weniger wertvollen Bereiche des Areals, wie sie die Studie vorschlägt, sicher sinnvoll. Auch eine dauerhafte Lösung des Müllproblems und die Schaffung einer Toilette befürworten wir Grüne. Wir könnten uns für letzteres aber durchaus auch Mobiltoiletten vorstellen, wie sie beispielsweise am Parkplatz der Aubinger Lohe angeboten wird. Um die Hinterlassenschaften der vielen Hunde, die an den Böhmerweihern spazieren geführt werden, in den Griff zu bekommen sind Hundetoiletten sicher eine sinnvolle Lösung. Zudem ist auch für den Erhalt der ökologischen Vielfalt eine Verbuschung der offenen Kiesflächen zu verhindern, die seit einigen Jahren aber auch regelmässig von LBV und Bund Naturschutz als landschaftspflegerische Maßnahmen durchgeführt werden.

Ameisen-Kolonien werden zur Besucherlenkung vorgeschlagen

Aufgrund des hohen ökologischen Wertes der Flächen zwischen den beiden Weihern, schlagen wir vor den geplanten um den Großen Böhmerweiher – wenn überhaupt – als aufgeständerten Bretterweg durch die ökologisch wertvollen Areale zu führen, um Trittbelastungen zu vermeiden und die Sensibilität des Areals zu vermitteln. Interessant ist die Idee der Autoren dieser Studie, die vorschlägt, vorhandene Ameisen-Populationen zu nutzen, um bei den Besuchern in den Sommermonaten für die sensiblen Kiesrohboden-Bereiche eine „ameisenbedingte nachhaltige Beruhigung durchzusetzen“.

Ausbau – Dimension überdenken

Die Studie bestätigt die einhellige Meinung, dass der kleinere östliche Weiher der Biotopentwicklung vorbehalten bleiben soll und möglichst wenig zugänglich sein soll. Den großen westlichen Böhmerweiher sieht die Studie als zum Badesee mit geordneter Nutzung entwickelbar an. Dabei müsste aber der Erhalt der naturschutzfachlich bedeutsamen Teilbereiche gesichert sein. Die Studie hat die ökologische Bedeutung der Uferbereiche des großen Böhmerweihers bewertet. Dabei erkennt man, dass die am wenigsten wertvollen Uferbereiche im Norden und Nordwesten des Großen Böhmerweihers liegen: 

Dies deckt sich mit einer Bewertung des Areals um die Weiher. Auch hier sind die wenigsten kritischen Teilflächen im Norden und Nordwesten des Großen Böhmerweihers gelegen:

Vergleicht man das mit der jüngsten vorgelegten Planung für den Ausbau des Böhmerweihers (Planungsvorentwurf 2014 des Erholungsflächenvereins), wird ein sehr rigoroser Umgang mit der Natur geplant: eine Liegeweise von gesamt über 25000qm Fläche soll den gesamten Westen des Großen Böhmerweihers umfassen, im sensiblen Bereich zwischen den beiden Aufläufen soll eine weitere „Liegeweise Nord“ mit 7700 qm, Grillfläche und Beachvolleyball-Plätzen entstehen, die die Besucher zudem in die sensibelsten Areale lenken. Im gesamten Norden und Westen des Großen Böhmerweihers sollen großflächige Abgrabungen stattfinden, um die Wasserfläche zu vergrößern und flache Ufer zu schaffen. Die gestrichelte Linie auf der Wasserfläche stellt dabei den jetzigen Uferverlauf dar und zeigt die gewaltigen Abgrabungen, die der Plan vorsieht, obwohl - so die Studie -  „eine Überarbeitung des Ufers des Großen Böhmerweihers zu erheblichen Schwebstofffrachten im sensiblen Auslaufbereich des Böhmerweihers führen“ wird. 

Bei dieser Planung setzt sich auch der Erholungsflächen über explizite Planungsempfehlungen der Machbarkeitsstudie hinweg: ein „Grillplatz am Nordende der beiden Baggerseen wird zusätzlichen Erholungsdruck in den sensiblen Übergangsbereich der beiden Baggerseen lenken“.

Gewässerqualität bei Hochwasser kritisch

Kritisch für den Ausbau als Badesee sind auch Probleme mit der Wasserqualität insbesondere bei Hochwassersituationen (eine sehr hohe Zahl  fäkalkoliformer Bakterien wurde nach einem Hochwasserereignis in den Zuläufen und im Weiher gemessen).   

Schlussfolgerungen

Als Schlussfolgerung endet die Studie mit dem Satz:
Berücksichtigt man, dass die Nachfrage nach naturbetonten Erholungs- und Freizeitaktivitäten ("Stille Erholung", "Naturerleben", etc.) weiter steigen wird, besitzt gerade der in unmittelbarer Siedlungsnähe gelegene Böhmerweiher-Komplex ein einzigartiges Potential, auf engem Raum ein vielfältiges Erlebnisangebot zu verwirklichen ohne dass dies zu einer Verschlechterung der Biotopqualität seiner naturschutzfachlichen Teilflächen führen muss - umsichtige Planung vorausgesetzt.

Wir Grünen glauben, dass der 2014 vorgelegte Plan des Erholungsflächenvereins alles andere als eine „umsichtige Planung“ ist. In Einklang mit den Autoren der Studie schlagen wir vor, das Areal der Böhmerweiher alternativ zu entwickeln zu einem Naturerlebnisgebiet mit begrenzter Badenutzung. Dazu muss kein großer Eingriff geschehen. Die Besucherlenkung müsste weg von den ökologisch bedeutenden Arealen zwischen den Weihern führen, ein möglicher Weg um den großen Weiher müsste als Bretterweg geführt werden, das Müllproblem müsste durch Aufstellen und regelmäßiges Leeren von Müllbehältern gelöst werden, der Hundekot könnte analog mit Hundetoiletten entsorgt werden. Schilder könnten auf die Entstehung der Weiher und ihre ökologische Bedeutung anhand von Beispielen hinweisen. Auf einen Kiosk, der nach Erfahrungen mit anderen Kiosken an Badeseen nicht rentabel zu führen wäre, könnte verzichtet werden. Der Einsatz von Mobiltoiletten wäre zu überprüfen. Für den Bau einer Wasserwachtstation müsste die Notwendigkeit überprüft werden. Da ein Areal, das überwiegend der Naturerfahrung dienen würden und das im
Nahbereich mehrerer Großgemeinden im Umfeld Münchens liegt, überwiegend mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreicht werden kann, sind auch die angedachten 40 Parkplätze unserer Meinung nach unnötig. Eine Badenutzung ist unserer Meinung nach – wenn überhaupt – auf ein kleineres Areal im Nordwesten des Großen Böhmerweihers zu begrenzen.

Würde das Areal der Böhmerweiher, wie von der Studie vorgeschlagen, überwiegend „die steigende Nachfrage nach naturbetonten Erholungs- und Freizeitaktivitäten“ bedienen, so hätte auch der Erholungsflächenverein eine gesellschaftliche Nachfrage bedient und könnte seinem Namen einen neuen Sinn geben: er heißt schließlich Erholungsflächenverein und nicht Badeseeverein.

Mit einem Klick auf das Foto können Sie die Unterschriftenliste herunterladen, mit einem Klick auf den Plan erhalten Sie den Plan in voller Größe!

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